Krach, Geräusch, Klang, Struktur

Was ist Neusik?

Neusik ist eine textkodierte oder fixierte Unterform der künstlichen, technischen Musik. Sie steht im weiteren Sinn auch in der Tradition von Spieldosen, Drehorgeln, Pianolas etc. aus dem vor-digitalen Zeitalter mit ihren körperlichen, mechanisch ausgelesenen Datenträgern. Die technische Erzeugung bezieht sich nicht auf die Vorlage (Partitur), sondern auf das Tonkunstwerk in akustischer Form.

Mit technischer Musik, einschließlich Neusik, ließe sich alle Musik bezeichnen, die exakt »auf Knopfdruck« reproduzierbar ist – ohne die unbewussten Unregelmäßigkeiten, die »organisch« oder »organisch-akustische« Musik kennzeichnen, da sie über Affektbrücken unweigerlich mitproduziert werden durch den musizierenden Menschen.

Technische Musik ist nicht zur hundertprozentigen Regelmäßigkeit verdammt. Nur sind Unregelmäßigkeiten deterministisch festgeschrieben, damit auf höherer Ebene unecht, anorganisch. Daran würden auch Zufallsgeneratoren nichts ändern, zumindest schwache, solche ohne Eignung für kryptografische Angelegenheiten. Aber auch starke erhöhen lediglich den Rauschanteil. Ihr künstlerischer Wert kann verneint werden.

Vergleich zu organischer Musik

Instrumentalmusiker nennen diese Unregelmäßigkeiten der organischen Musik zuweilen magisch, wenn sie gut sind. Das bedeutet nicht ganz zufällig, sondern bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgend, die der Musiker intuitiv beim Üben ausbildet, sie in Fleisch und Blut eingehen lässt und die seinen »Sound« ausmachen.

In Bezug auf eine bestimmte Aufnahme sagt man Mikrodynamik, Agogik oder Groove, je nach Genre und Epoche. Und sie schwören darauf als die Würze, die Tonfolgen erst zu Musik machen und ein Publikum mitreißen. Dagegen ist künstliche Musik, alle Musik, die ihrem Wesen nach exakt reproduzierbar ist, in ihren Ohren zu einer unheimlichen Totheit verdammt. Ob sie »tot« ist oder sie das Totsein nur hineinhören – wie ich ja auch verächtlich auf alle jene herabblicken mag, die sich zur Erstellung von Computerprogrammen auf Chatbots verlassen. Jeder Beruf hat seinen Dünkel, irgendwie muss heute jeder sich rechtfertigen. Das ist natürlich und kleine Eifersüchteleien dem selbstverständlichen Überlebenswillen verdankt.

Was ist an Neusik »neu«?

Strenggenommen nichts. Neusik ist inspiriert von Vorläufern aus älteren Jahrzehnten, aber grenzt sich insbesondere von der MIDI-Spezifikation ab. Eine Aussprache des »eu« im Namen als ineinander übergehende e- und u-Laute statt »oi« ist willkommen, um dies zumindest oralsprachlich zu verdeutlichen.

Relativ neu ist allein die bewusste Abkehr vom Anspruch, dass Musik in Echtzeit von einem Musiker oder von mehreren Musikern für ein Publikum produziert wird. Aber auch das ist nicht von mir erfunden, in unzähligen privater Zimmerstudios entsteht Musik ähnlich durch das Zusammensetzen von Sounds, der Effektanwendung und dem Arrangieren von Tönen und Melodieschnipseln in der Pianoroll. Am Ende wird auch da das Projekt »gerendert«. Das läuft oft unter dem Stichwort »ITB«-Musikproduktion, englisch »in the box«.